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Ein Film von Rahel Grunder
Europas erste Juristin

Statement Rahel Grunder

Unsere Deutschlehrerin in der Kantonsschule wollte, dass wir nicht nur Schiller und Goethe paukten, sondern uns auch mit zeitgenössischer Literatur befassten. So musste allwöchentlich ein Schüler das Lehrerpult übernehmen und die Klasse in ein modernes Werk einführen. Während die Buben mit Vergnügen die Morde in Patrick Süskinds „Das Parfum“ ausschlachteten oder mit Faszination über die Erotik in Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ philosophierten, stiessen die Mädchen mit Peter Stamms „Agnes“ oder Zoe Jennys „Das Blütenstaubzimmer“ trotz Enthusiasmus auf taube Ohren bei den Jungs. Ich selber trug mit Feuer Eveline Haslers „Die Wachsflügelfrau“ über das Leben Emilie Kempin-Spyris vor und erntete damit zwar lobende Worte der Lehrerin, von den männlichen Mitschülern aber nur Gähnen. Konnten sie sich denn nicht vorstellen, dass Mädchen noch vor hundert Jahren dafür kämpfen mussten, um in den Bankreihen neben ihnen sitzen zu dürfen, oder waren sie gar einverstanden mit der Ansicht von Emilies konservativem Vater?

Wenig war mir damals, mit fünfzehn Jahren, bewusst, wie sehr mich genau diese Fragen in Zukunft noch beschäftigen würden. Auch ich hatte es immer für selbstverständlich gehalten, dass ich die gleichen Rechte wie alle hatte. Dabei war dies ausgerechnet in der sonst so fortschrittlichen Schweiz gar nicht der Fall. Zum 150 Jahr Jubiläum des Schweizer Bundesstaates 1998 schrieb ich für unsere Theatereigenproduktion „Schweiz! – Schweiz?“ den Teil über die Abstimmung zum Frauenstimmrecht, welche damals gerade mal 27 Jahre zurück lag.

Obwohl ich selber stets Frauen ins Zentrum meiner Filme stelle, würde ich mich nicht als Feministin bezeichnen. Kolumnistin Michèle Roten hat das Wort „Feministin“ ach so passend für meine Generation beschrieben: „Es ist eine Krücke, eine Rüstung und eine Waffe zugleich für verbitterte, unattraktive Frauen, die zu wenig Spass im Leben haben und darum ihren persönlichen, privaten Fall zur Politik machen wollen.“ Genau, Feminismus, wäh. Das lässt sich einfach sagen, wenn man in eine Generation und in ein Land geboren worden ist, in welcher Schulen und Berufswege sowohl Männern als auch Frauen offen stehen; in welcher frau nicht mehr ständig dafür kämpfen muss, ernst genommen zu werden. Und doch gibt es sie, die Spitzen, die auch mich zur Furie, zur Alice Schwarzer, zur Zicke werden lassen. Dann nämlich, wenn uns Frauen – noch genau wie zu Emilie Kempins Zeit – die Eigenschaft zu klarem und logischem Denken abgesprochen wird; wenn wir als karrieregeile Rabenmütter dargestellt werden – oder als Kinderhasserinnen, wenn wir unserer „natürlichen Bestimmung“ nicht nachkommen, ergo gar keine richtige Frauen sind – sobald wir mit Ehrgeiz und Hingabe unsere Arbeit verfolgen neben beziehungsweise ohne Familie. Es ist mir unverständlich, dass wir im 21. Jahrhundert noch solche Diskussionen haben, aber offensichtlich ist es nach wie vor wichtig, dass sie geführt werden.

Wir verdanken es Pionierinnen wie Emilie Kempin-Spyri, dass sie uns den Weg zur Gleichstellung geebnet haben. Ihnen wurden Steine in den Weg gelegt, die uns heute wie Brocken vom Mars vorkommen. Ich kann mir vorstellen, wie befreiend es für Kempin gewesen sein muss, aus der engen Schweiz heraus zu kommen und in New York auf zahlreiche Gleichgesinnte zu treffen; in einem Netzwerk arbeiten zu können, in welchem nicht nur das Geld, sondern auch die Courage, der Wille und der Glaube an Veränderung vorhanden war.

Allerdings musste sich Emilie – wie auch heute noch viele Frauen – entscheiden zwischen Familie und Karriere. Ich bin überzeugt, hätte Emilie Kempin-Spyri die Karriere gewählt und wäre in New York geblieben, sie wäre in die Amerikanischen Geschichtsbücher eingegangen. Sie hat zwar auch in der Schweiz und in Deutschland weiter gekämpft, aber mit gestutzten Flügeln. Ihr Schicksal berührt mich immer wieder aufs Neue und gibt mir trotz seiner Tragik Hoffnung und Zuversicht. Eveline Hasler, Autorin der „Wachsflügelfrau“, hat zur Tragik ihrer Figuren gemeint: „Mir geht es um Gerechtigkeit. Wir dürfen Persönlichkeiten, die uns an schlimme Zeiten erinnern, nicht wegscheiben. Wir müssen die Vergangenheit anschauen, um eine freie Gegenwart zu haben.“

Das Porträt über Emilie Kempin-Spyri ist einerseits die Würdigung einer starken Frau, andererseits möchte ich dem Publikum mit einem Einblick in die Vergangenheit Hoffnung und Mut für die Gegenwart geben; und das Geschenk, seine eigene Welt mit einem etwas anderen Blick wahrzunehmen.

Rahel Grunder