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Ein Film von Rahel Grunder
Europas erste Juristin

Neue und kühne Ideen im Korsett des 19. Jahrhunderts

Emilie Kempin-Spyri war eine Schweizer Pionierin, ein Star für die New Yorker und eine Gallionsfigur für die deutschen Frauen. Sucht man ihre Spuren, findet man sich wieder in einer überraschend modernen Zeit. Vieles, mit dem Emilie konfrontiert gewesen ist, existiert auch heute noch – in unserer Stadt und in unseren Köpfen.

Im Lichthof der Universität Zürich steht eine von Künstlerin Pipilotti Rist gestaltete überdimensionierte Chaiselongue. Fragt man die Studierenden, die darauf an ihrem Kaffee nippen, zu wessen Ehren das Polstermöbel sei, dann erntet man oft ratlose Blicke. Auch ausserhalb der Universität ist die Schweizer Pionierin kaum ein Begriff. Bloss der Name „Spyri“ hat einen vertrauten Klang. Er führt einen auf die richtige Fährte: Emilie war die Nichte der Heidi-Autorin Johanna Spyri. Die Schriftstellerin hat die Querdenkerin der Familie allerdings nicht unterstützt. Für Johanna Spyri waren studierende Frauen „Mannweiber“. Emilie sagte sich los von der Familie, verzichtete auf die Mitgift des Vaters zugunsten eines modernen und selbstbestimmten Lebens mit Ehemann Walter Kempin.

Sind wir so modern wie wir gerne glauben?

Von Emilie Kempin-Spyri gibt es nur vier Fotografien und eine Handvoll meist amtlicher Briefe. Weder in den Archiven noch in der Familie sind persönliche Erinnerungsstücke erhalten geblieben. Weil wir so wenig Privates über sie wissen, bietet sie Projektionsfläche für viele Rollen – vom Opfer über die Egoistin bis zur Märtyrerin. Kempin in eine dieser Schubladen zu stecken, würde ihr nicht gerecht. Ihr Lebensweg, ihre Haltung und ihre Entscheidungen überraschen, faszinieren, berühren, wühlen auf und werfen einen auf sich selber zurück. Sind wir wirklich so modern und aufgeschlossen wie wir gerne glauben oder wirken die über Jahrhunderte geltenden Denkmuster doch noch nach?

Bekannt durch Eveline Hasler

Die Schriftstellerin Eveline Hasler hat Emilie Kempin-Spyris Geschichte recherchiert und ihr mit dem erfolgreichen Roman „Die Wachsflügelfrau“ (1991) zu Bekanntheit verholfen. Dank Eveline Hasler kam auch ich zum ersten Mal in Berührung mit Kempins Leben. Ich war damals sechzehn und sah nichts Abnormales darin, dass ich mit den Buben Physik, Latein und Mathe pauken durfte (beziehungsweise war es damals eher ein „musste“) und mir danach die Türen zur Universität offen standen. Dass dies aber so ist, verdanken wir Frauen wie Emilie Kempin-Spyri, die sich mit Selbstverständlichkeit und Mut zur Provokation den Männern gleich gestellt hat. Kempin hat im Korsett des 19. Jahrhunderts Möglichkeiten gesucht und Wege gefunden, die damals schockierten.

Ebenso neu als kühn

In der Schweiz waren Frauen seit 1840 als Hörerinnen an der Universität zugelassen, das Stimmrecht bekamen sie 1971, Gleichheit vor dem Gesetz 1981. Davor galt der Kanon, Frauen würden ihrer «Natur» entsprechend anders, aber grundsätzlich gleichwertig behandelt. Eine, die es wagte, dieses System anzugreifen, war Emilie Kempin-Spyri. 1886 wollte sie ihren im Ausland weilenden Ehemann vor Gericht vertreten und wurde abgewiesen. Ihrer stringent juristisch verfassten Beschwerde ans Bundesgericht zollte man immerhin Respekt mit den beiden Wörtchen „neu“ und „kühn“; abgelehnt wurde sie trotzdem.

Auch heute hochaktuell

Beatrice Weber-Dürler war die zweite Juristin nach Emilie Kempin-Spyri, die 1983 an der Universität Zürich habilitierte. Ihre Antrittsvorlesung hielt sie über den neuen Gleichstellungsartikel von Mann und Frau. Die Kollegen wunderten sich, dass man darüber dreiviertel Stunden sprechen könne. Dabei wäre es möglich, einen ganzen Vorlesungszyklus zu diesem Thema zu gestalten; einem Thema, das nach wie für Gesprächs- und Sprengstoff sorgt und aufzeigt, dass Kempins Gedankengut und ihre Forderungen auch heute noch hochaktuell sind.